Privilegien, Die Nicht Meine Sind

Die amerikanische Wissenschaftlerin Peggy McIntosh hat in ihrem Artikel «White Privilege: Den unsichtbaren Rucksack auspacken» über ihr Weisssein reflektiert und welche Vorteile ihr dies gesellschaftlich einbringt. Sie nennt diese unverdienten Vorteile weisse Privilegien. Sie spricht davon, dass sich die meisten weissen Menschen dieser Privilegien nicht bewusst sind, weil sie diese Vorteile als selbstverständlich erachten. In Anlehnung an einige Privilegien, die McIntosh aufzählt, möchte ich anhand persönlicher Begebenheiten deutlich machen, dass diese Privilegien für BIPOC nicht selbstverständlich sind.

Meine Anwesenheit in diesem Land wird als normal und selbstverständlich erachtet, niemand wundert sich über meine Sprachkenntnisse.

Beim ersten Elternabend meines Kindes begrüsst mich die Kindergärtnerin mit den Worten «Ihr Kind spricht aber gut Deutsch». Meine Antwort darauf: «Deutsch ist auch seine Muttersprache». In der Vorstellungsrunde des Elternabends werden die Eltern bei der Vorstellung gebeten, zu sagen, welche Sprachen zuhause gesprochen werden. Ganz beeindruckt davon, wie viele Kinder mehrsprachig aufwachsen, sage ich, dass wir nur Deutsch sprechen. Zum Abschied gibt mir die Kindergärtnerin die Hand und sagt «Ihr Kind spricht wirklich sehr gut Deutsch».

Meine Verhaltensweisen werden nicht auf mein Aussehen zurückgeführt.

Der Begriff der «Tigermom» fällt nicht immer, aber er fällt. Und wenn er nicht fällt, dann ist er trotzdem da: Als ob man von meinem Aussehen und dem meiner Kinder auf meinen Erziehungsstil rückschliessen könnte.

Ich werde als Individuum wahrgenommen.

Mein Kind geht seit nun mehr als vier Jahren mehrmals in der Woche in die Tagesstruktur. Mittwochs geht es in den Schlagzeugunterricht und muss daran erinnert werden, wann es losgehen muss. Es gibt in diesem Hort ein zweites Kind, das asiatisch gelesen werden kann. Eine Betreuerin hat sich den Namen des anderen Kindes gemerkt und nennt mein Kind durchgehend beim Namen des anderen Kindes. Wenn mein Kind sie darauf aufmerksam macht, lacht sie und meint: «Ihr seht euch einfach zum Verwechseln ähnlich».  Die Betreuerin verwendet nicht den gleichen Namen für alle blonden Kinder, denn diese werden als Individuen wahrgenommen.

Eine der Hauptsorgen um meine Kinder betrifft nicht die rassistische Haltung anderer.

Mein Kind kam sehr traurig aus der Schule nach Hause. Auf Nachfrage erzählt es, dass es auf dem Pausenhof beleidigt worden sei. Mehrere Kinder haben ihm «Schlitzauge» und «Du hast so hässliche Augen»zugerufen. Es fragte ganz leise: «Gell Mama, ich habe schöne Augen?» Dieses Erlebnis hat mein Kind geprägt. Auf Zeichnungen malt es sich nun immer mit kreisrunden Augen. Als mein anderes Kind es einmal mit schmaleren Augen malte, ist es ausgerastet: Es habe nicht solche Augen.

Ich kann mir ziemlich sicher sein, wenn ich mit der verantwortlichen Person einer Institution (wie z.B. der Klassenlehrperson oder der Schulleitung) spreche, diese eine Person mit meiner Hautfarbe ist (und daher ähnliche Erfahrungen gemacht hat).

Als ich der Klassenlehrperson den Vorfall auf dem Pausenhof schilderte und fragte, wie man in der Schule mit solchen Situationen umgehe, rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her (Ich habe mich nicht getraut, von Rassismus zu sprechen). Ich konnte Panik in ihrem Blick sehen. Sie fragte: «Waren es Kinder aus der Klasse?» Als ich verneinte, entspannte sie sich sichtlich und sagte: «Ah, dann ist ja alles gut. In meiner Klasse hätte mich das auch erstaunt. » Ich war zu perplex, um nachzuhaken und zu sagen, dass es schön sei, dass für sie nun alles gut sei, aber dass es hier doch um mein Kind ginge und nicht um sie als Klassenlehrperson.Es gehe doch auch um eine Schulhauskultur.

Ich habe die Wahl, mich mit Rassismus auseinanderzusetzen oder auch nicht.

Einige Zeit später unternahm ich den Versuch, im Schulrat das Thema «Rassismus in der Schule» anzusprechen und fragte nach, ob bzw. welche Strategie es an der Schule gäbe, um die Kinder vor Rassismus zu schützen, und ich erzählte die Geschichte mit der Klassenlehrperson. Der Schulrat wurde nervös und gestand ein, dass die Lehrpersonen nicht darin geschult seien und dass Rassismus zwar ein wichtiges Thema sei, aber dies in der Lehrer*innenausbildung abgedeckt werden solle. Ich hakte nach, ob es nicht trotzdem Thema einer Weiterbildung sein könne, da die Kompetenzen diesbezüglich in der Lehrer*innenschaft ausgebaut werden müssten. Mir wurde geantwortet, dass noch so viele andere Themen zuerst bearbeitet werden müssen.

Menschen wie ich können das Thema Rassismus nicht als ein Thema unter vielen abhaken und sich irgendwann später damit beschäftigen. Es ist das Thema, das mich und meine Kinder jeden Tag aufs Intimste betrifft.

*Sarina, Mutter

Die amerikanische Wissenschaftlerin Peggy McIntosh hat in ihrem Artikel «White Privilege: Den unsichtbaren Rucksack auspacken» über ihr Weisssein reflektiert und welche Vorteile ihr dies gesellschaftlich einbringt. Sie nennt diese unverdienten Vorteile weisse Privilegien. Sie spricht davon, dass sich die meisten weissen Menschen dieser Privilegien nicht bewusst sind, weil sie diese Vorteile als selbstverständlich erachten. In Anlehnung an einige Privilegien, die McIntosh aufzählt, möchte ich anhand persönlicher Begebenheiten deutlich machen, dass diese Privilegien für BIPOC nicht selbstverständlich sind.

Meine Anwesenheit in diesem Land wird als normal und selbstverständlich erachtet, niemand wundert sich über meine Sprachkenntnisse.

Beim ersten Elternabend meines Kindes begrüsst mich die Kindergärtnerin mit den Worten «Ihr Kind spricht aber gut Deutsch». Meine Antwort darauf: «Deutsch ist auch seine Muttersprache». In der Vorstellungsrunde des Elternabends werden die Eltern bei der Vorstellung gebeten, zu sagen, welche Sprachen zuhause gesprochen werden. Ganz beeindruckt davon, wie viele Kinder mehrsprachig aufwachsen, sage ich, dass wir nur Deutsch sprechen. Zum Abschied gibt mir die Kindergärtnerin die Hand und sagt «Ihr Kind spricht wirklich sehr gut Deutsch».

Meine Verhaltensweisen werden nicht auf mein Aussehen zurückgeführt.

Der Begriff der «Tigermom» fällt nicht immer, aber er fällt. Und wenn er nicht fällt, dann ist er trotzdem da: Als ob man von meinem Aussehen und dem meiner Kinder auf meinen Erziehungsstil rückschliessen könnte.

Ich werde als Individuum wahrgenommen.

Mein Kind geht seit nun mehr als vier Jahren mehrmals in der Woche in die Tagesstruktur. Mittwochs geht es in den Schlagzeugunterricht und muss daran erinnert werden, wann es losgehen muss. Es gibt in diesem Hort ein zweites Kind, das asiatisch gelesen werden kann. Eine Betreuerin hat sich den Namen des anderen Kindes gemerkt und nennt mein Kind durchgehend beim Namen des anderen Kindes. Wenn mein Kind sie darauf aufmerksam macht, lacht sie und meint: «Ihr seht euch einfach zum Verwechseln ähnlich».  Die Betreuerin verwendet nicht den gleichen Namen für alle blonden Kinder, denn diese werden als Individuen wahrgenommen.

Eine der Hauptsorgen um meine Kinder betrifft nicht die rassistische Haltung anderer.

Mein Kind kam sehr traurig aus der Schule nach Hause. Auf Nachfrage erzählt es, dass es auf dem Pausenhof beleidigt worden sei. Mehrere Kinder haben ihm «Schlitzauge» und «Du hast so hässliche Augen»zugerufen. Es fragte ganz leise: «Gell Mama, ich habe schöne Augen?» Dieses Erlebnis hat mein Kind geprägt. Auf Zeichnungen malt es sich nun immer mit kreisrunden Augen. Als mein anderes Kind es einmal mit schmaleren Augen malte, ist es ausgerastet: Es habe nicht solche Augen.

Ich kann mir ziemlich sicher sein, wenn ich mit der verantwortlichen Person einer Institution (wie z.B. der Klassenlehrperson oder der Schulleitung) spreche, diese eine Person mit meiner Hautfarbe ist (und daher ähnliche Erfahrungen gemacht hat).

Als ich der Klassenlehrperson den Vorfall auf dem Pausenhof schilderte und fragte, wie man in der Schule mit solchen Situationen umgehe, rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her (Ich habe mich nicht getraut, von Rassismus zu sprechen). Ich konnte Panik in ihrem Blick sehen. Sie fragte: «Waren es Kinder aus der Klasse?» Als ich verneinte, entspannte sie sich sichtlich und sagte: «Ah, dann ist ja alles gut. In meiner Klasse hätte mich das auch erstaunt. » Ich war zu perplex, um nachzuhaken und zu sagen, dass es schön sei, dass für sie nun alles gut sei, aber dass es hier doch um mein Kind ginge und nicht um sie als Klassenlehrperson.Es gehe doch auch um eine Schulhauskultur.

Ich habe die Wahl, mich mit Rassismus auseinanderzusetzen oder auch nicht.

Einige Zeit später unternahm ich den Versuch, im Schulrat das Thema «Rassismus in der Schule» anzusprechen und fragte nach, ob bzw. welche Strategie es an der Schule gäbe, um die Kinder vor Rassismus zu schützen, und ich erzählte die Geschichte mit der Klassenlehrperson. Der Schulrat wurde nervös und gestand ein, dass die Lehrpersonen nicht darin geschult seien und dass Rassismus zwar ein wichtiges Thema sei, aber dies in der Lehrer*innenausbildung abgedeckt werden solle. Ich hakte nach, ob es nicht trotzdem Thema einer Weiterbildung sein könne, da die Kompetenzen diesbezüglich in der Lehrer*innenschaft ausgebaut werden müssten. Mir wurde geantwortet, dass noch so viele andere Themen zuerst bearbeitet werden müssen.

Menschen wie ich können das Thema Rassismus nicht als ein Thema unter vielen abhaken und sich irgendwann später damit beschäftigen. Es ist das Thema, das mich und meine Kinder jeden Tag aufs Intimste betrifft.

*Sarina, Mutter

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