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VORSTELLUNGEN VON HEIMAT
Das Berner Mundart-Duo Tuwan singt «Was ist die Mehrzahl von Heimat?» und wirft damit eine Frage auf, die einen grossen Teil der Schweizer Bevölkerung beschäftigt. Vielfältige Bezüge und Beziehungen zu verschiedenen Ländern und Sprachen sind für Menschen in der Schweiz alltägliche Realität. Das ist auch für viele Kinder und Jugendlicher in der Schweiz gelebter Alltag: 2014 lebten etwas mehr als die Hälfte der Kinder in einem Haushalt mit Migrationsgeschichte (BFS, 2018). Knapp 38% der über Fünfzehnjährigen der Schweizer Bevölkerung weisen eine Mehrfachzugehörigkeit auf (BFS 2019).

Viele der Protagonist*innen, die hier ihre Erfahrungen teilen, verstehen sich als Schweizer*innen. Die Frage nach ihrer «Heimat» ist für die Betroffenen oft anstrengend und, wenn sie immer wieder an sie herangetragen wird, schmerzhaft, denn sie unterstellt, dass die Heimat «woanders» ist (vgl. Othering). Der Lebensmittelpunkt der Protagonist*innen ist aber in der Schweiz (NCCR, 2019), sie leben einen Schweizer Alltag mit allen dazugehörigen Eigenarten und sind durch Besuche, Familiengeschichten auch mit anderen Ländern verbunden. Sie sind «Bürger*innen von Welt» (Tayie Selassi, 2014) – in einer Welt, in der Menschen über Landes- und Sprachgrenzen miteinander in Beziehung stehen und in der sich «Heimat» eher über die Orte, soziale Praktiken und Menschen bestimmen lässt, denen sich eine Person verbunden fühlt, als über die Frage, woher jemand kommt. Dieses Selbstverständnis einer postmigrantischen Gesellschaft in einer global-vernetzten Welt entspricht nicht der Vorstellung einer klaren Zuordnung zu einer bestimmten Herkunft oder Heimat. Personen mit einer Mehrzahl an Heimaten, welche die Frage «Woher kommst Du?», meist mit einem «Wohin gehörst Du?» assoziieren, können diese deshalb nicht wirklich beantworten. Maisha Auma (2019) lädt daher dazu ein, gemeinsame Räume der «postmigrantischen Generation» deshalb «mehrheimisch» und nicht mehr «einheimisch» zu denken (vgl. dazu auch Eva Pfanzelter & Dirk Rupnow, 2018).


Leitfragen:

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Wie behandeln/verweisen/diskutieren die Protagonist*innen oder die Schüler*innen das Thema Heimat?
- Was bedeutet Heimat für Sie persönlich?
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Was macht Menschen heimisch?
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Wie kann das unterstützt werden?
- Was sind Ideen für eine mehrheimisch zu konzipierende Schule?



--- Auma, Maureen Maisha (2019). Die postmigrantische Generation in diversitätspädagogischer Perspektive. Ausformuliertes Referat INES Roundtabel, 2019.
--- BFS Bundesamt für Statistik (2018). Kinder nach Migrationsstatus des Haushalts, 2014–2016 (kumulierte Daten). www.bfs.admin.ch, aufgerufen am 12.4.2021BFS Bundesamt für Statistik (2019). Bevölkerung nach Migrationsstatus.
www.bfs.admin.ch, aufgerufen am 12.4.2021
--- NCCR on the Move (2019). «Woher kommst du wirklich?» Zugehörigkeit und Geschlecht in der Stadt Zürich. nccr-onthemove.ch, aufgerufen am 12.4.2021
--- Pfanzelter, Eva & Rupnow, Dirk (Hg.) (2018). Einheimisch-zweiheimisch-mehrheimisch. Geschichte(n) der neuen Migration in Südtirol. Bozen: Edition Raetia.Taiye Selassi (2014). Fragen Sie nicht, woher ich komme, sondern welchen Orten ich mich verbunden fühle. www.ted.com, aufgerufen am 12.4.2021