Burger
Sprache
In einigen Texten greifen die Erzähler*innen das Thema Sprache und Ausschlusserfahrungen aufgrund ihrer Erstsprache auf. So müssen z.B. Väter/Mütter/Erziehungsberechtigte im Elternrat immer wieder darum bitten, dass Hochdeutsch gesprochen wird, obgleich sie das Schweizerdeutsch nicht oder nicht so gut verstehen. Oder Schüler*innen werden in der Schule als Dolmetscher*innen eingesetzt, ohne sich dafür wertgeschätzt zu fühlen. Sie erzählen, dass ihre Erstsprache(n) nicht oder kaum als Ressource(n) erkannt werde(n) und die Erwartung, fehlerfrei zu sprechen, sprechhemmend wirke.

Dabei ist die Schweiz ein vielsprachiges Land, das stolz auf seine verschiedenen Landessprachen Rätoromanisch, Italienisch, Französisch und Deutsch ist. Es werden aber noch viele weitere Sprachen gesprochen, wie das Jenische, das auch in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen erwähnt ist (BAK Bundesamt für Kultur, 2017). Rund 25% der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz gaben 2019 ausserdem neben einer der fünf Landessprachen entweder Englisch oder eine andere Sprache als eine ihrer «Hauptsprachen» an (vgl. BFS, 2021).

Das Sprachengesetz der Schweiz von 2010 sieht die Förderung der Mehrsprachigkeit von Lernenden und Lehrenden durch Bund und Kantone im Rahmen ihrer Zuständigkeiten ebenso vor, wie – neben der Förderung der lokalen Landessprache – die «Förderung der Kenntnisse Anderssprachiger in ihrer Erstsprache» (Sprachengesetz siehe Anmerkung, Art 15/16). Tatsächlich wurde in der Schweiz in den letzten Jahren auch hinsichtlich des HSK-Unterrichts vieles unternommen. Dennoch bleibt das Schulsystem weiter stark monolingual ausgerichtet: Gute Noten hängen weitgehend von den Kenntnissen der lokalen Bildungssprache ab. In der Regel werden neben der Schulsprache noch Englisch und/oder eine weitere Landessprache vermittelt, «andere» Sprachen werden allenfalls im Bereich der Wahlfächer aufgegriffen.
Der Schulerfolg von Schüler*innen hängt heute – neben den sozioökonomischen Verhältnissen und dem Bildungsstand der Eltern – auch davon ab, ob die Schulsprache in der Herkunftsfamilie als Erstsprache gesprochen wird (Britta Juska-Bach und Claudio Nodari, 2015). Jugendliche aus sozial benachteiligten Milieus sind, ebenso wie Jugendliche nicht-deutscher Erstsprache, in den anspruchsvolleren Zweigen – in der Sekundarschule A, in Gymnasien, in Berufslehren mit Berufsmittelschule, in Universitäten und Fachhochschulen – massiv untervertreten (Markus Truniger, 2018).

Migrationssprachen finden im schulischen Kanon nur wenig Beachtung. Damit geht auch die Anerkennung für mehrsprachige Kinder verloren. Dabei spielt die Erst- und Familiensprache eine entscheidende Rolle im Aufbau eines stabilen Selbstvertrauens (Françoise Muret-Lorach, 2016). Darüber hinaus verliert die Gesellschaft an Ressourcen, die sich aus der gelebten Mehrsprachigkeit ihrer Citoyenn*es ergeben.


Mögliche Leitfragen:

- Was sind die Erlebnisse bezüglich Sprache, über die die Protagonist*innen   sprechen?
- Was sind eigene persönliche Erlebnisse im Umgang mit Sprachen im Kontakt mit Schüler*innen und Eltern?
- Wie/Wo wird Mehrsprachigkeit zu einer echten Ressource?
- Wie können Lehrpersonen und weitere Schulakteure die sprachliche Vielheit wertschätzend einbeziehen und die Schüler*innen bestärken, die Mehrsprachigkeit zu pflegen?



--- BAK Bundesamt für Kultur (2017). Jenische und Sinti in der Schweiz: wichtige Daten der jüngeren Geschichte. Bern: Eidgenössisches Departement des Innern, EDI.
--- BFS Bundesamt für Statistik (2021). Sprachen. Bern: www.bfs.admin.ch aufgerufen am 18.5.2021
--- EDK - Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (2004) Sprachenunterricht in der obligatorischen Schule: Strategien der EDK und Arbeitsplan für die Gesamtschweizerische Koordination. Bern: EDK.
--- Juska-Bach, Britta und Nodari, Claudio (2015). Sprachliche Voraussetzungen für den Schulerfolg. In: Babylonia 3/15 | new.babylonia.ch aufgerufen am 14.4.2021
--- Lehrplan 21 (2016) v-fe.lehrplan.ch, aufgerufen am 12.4.2021
--- Muret-Lorach, Françoise (2016). Erstsprachen schätzen, einbeziehen und fördern. In: vpod Bildungspolitik. vpod-bildungspolitik.ch, aufgerufen am 14.4.21
--- Truniger, Markus (2018). Schule, Migration und Vielfalt: Chancen und Partizipation für alle? In U. Klotz, F. Grain, J. Gruber, A. Sancar, H. Baumann, R. Herzog,  H. Schatz, Jahrbuch 2018: Bildung und Emanzipation (Bd. 8, S. 107-116). Zürich: Denknetz.
--- Sprachengesetzt der Schweiz (1. Feb. 2021). Bundesgesetz über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften. www.fedlex.admin.ch aufgerufen am 19.5.2021