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Othering
In vielen Texten wird die Erfahrung geschildert, in verschiedenen Situationen als «fremd» und damit als «anders» bezeichnet zu werden. Dieser Prozess, in dem Menschen von einer «Wir»-Gruppe unterschieden und als «das Andere» konstruiert werden, wird in der Fachliteratur als «Othering» bezeichnet.

Solche Othering-Prozesse können sich auf ganz unterschiedliche sozial relevanten Differenzlinien beziehen, z.B. auf die Nationalität, die soziale Stellung, das äussere Erscheinungsbild oder das Geschlecht. Betroffene erfahren diese oft als schmerzhaft, da ihnen das Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit aberkannt wird und sie häufig nur wenig dagegen tun können.

In dieser Geschichtensammlung berichten Protagonist*innen davon, wie sie in ihrer Schullaufbahn «zu den Anderen» gemacht werden. Sie erfahren durch die Aktionen oder Reaktionen Anderer oder in der Gestaltung der Umwelt, dass sie nicht per se mitgemeint, sondern als Ausnahme wahrgenommen werden und damit nicht der Norm entsprechen bzw. gegen sie verstossen. Das passiert z.B., wenn sie aufgrund ihres Äusseren oder ihres Namens immer wieder die – vermeintlich gut gemeinte Bemerkung «Du sprichst aber gut Deutsch» zu hören bekommen. Oder wenn sie wiederkehrend mit stereotypen Zuschreibungen konfrontiert sind, die mit ihrer Person nichts oder wenig zu tun haben. Andere Beispiele für die Praxis des Otherings sind taxierende und wertende Blicke auf Schüler*innen, während z.B. von «deren» Ländern gesprochen wird. All das sind Handlungen, welche die betroffenen Personen als Platzverweise erfahren. Damit werden wiederholt Grenzziehungen vorgenommen und ein «Wir» und «die Anderen» hergestellt (Christine Riegel, 2018). Die betroffenen Personen sehen ihre Zugehörigkeiten konstant hinterfragt, müssen sie stets reflektieren und durch Alltagshandlungen beweisen. Häufig müssen sie sich auch in der Schule stärker anstrengen, um in ihrer Leistung anerkannt zu werden (vgl. Juvenir Studie 4.0 oder Carola Mantel et al., 2019). Durch konstante Othering-Erfahrungen sind die Betroffenen auch versucht, dieses «Andere» zu füllen und sich durch diese ausgrenzende Erfahrung von der Dominanzgesellschaft distanzieren. Wobei ihnen auch das allerdings von der «Wir»-Gruppe vorgeworfen wird.

Die Texte zeigen, dass dies die jungen Menschen Kraft kostet, dass es sie wie auch ihre Eltern verunsichert und sie in ihrem Selbstverständnis als Citoyenn*es – also als Zugehörige der Schweiz – erschüttert (NCCR, 2019; Yuval Davis, 2006; Paul Mecheril, 2003;). Dass dies zu einem verminderten Selbstbewusstsein, zu «racial stress», Erschöpfungszuständen oder auch zu Bildungsabstinenz führen kann, ist gut dokumentiert (vgl. Astride Velho, 2015).


Leitfragen zu den Texten:

- Welche Prozesse von «Othering» lassen sich in den Texten erkennen?
- Wie findet das Othering in den Texten statt?
- Welche Auswirkungen hat dies auf die Gefühle oder das Selbstverständnis der Protagonist*innen?
- Was können Lehrpersonen, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter*innen tun, damit sich alle zugehörig fühlen?



--- Davis, Yuval (2006). Belonging and the politics of belonging. www.tandfonline.com, aufgerufen am 7.5.2021
NCCR on the Move (2019). «Woher kommst du wirklich?» Zugehörigkeit und Geschlecht in der Stadt Zürich. nccr-onthemove.ch, aufgerufen am 12.4.2021
--- Juvenir Studie 4.0 (2015). Zuviel Stress – zuviel Druck! Wie Schweizer Jugendliche mit Stress und Leistungsdruck umgehen. Jacobs Foundation, jacobsfoundation.org, aufgerufen am 12.4.2021
--- Mantel, Carola; Aepli, Marianne; Büzberger, Marcus; Dober, Heidi; Hubli, Janice; Krummenacher, Jolanda; Müller, Andrea; Puškarić, Julija. (2019). Auf den Zweiten Blick: Eine Sammlung von Fällen aus dem Schulalltag zum Umgang mit migrationsbezogener Vielfalt (1st Edition Ausg.). Bern: hep Verlag.
--- Mecheril, Paul (2003). Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-) Zugehörigkeit. Münster: Waxmann Verlag.
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Riegel, Christine (2018). Es geht darum, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen. transfer-politische-bildung.de, aufgerufen am 12.4.2021
--- Velho, Astride (2015). Die psychische Form der Macht - oder wie Rassismuserfahrungen und «Afrika»-Bilder wirken und Subjekte bilden in Elina Marmer | Papa Sow (Hrsg.) (2015): Wie Rassismus aus Schulbüchern spricht. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.