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Diskriminierung
In unserer Geschichtensammlung berichten sowohl Jugendliche als auch Eltern und Lehrpersonen wiederholt von diskriminierenden Geschehnissen, welche die Betroffenen als prägend erlebt haben. Auch die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) listet den Bereich Bildung/Schule als den Bereich mit der zweithäufigsten Beratungstätigkeit auf (EKR, 2021).

Diskriminierung bezeichnet die Benachteiligung, Unterscheidung, Herabwürdigung oder Einschränkung von Gruppen oder einzelnen Personen (z.B. aufgrund ihrer Rassifizierung, Religion, nationalen oder sozialen Herkunft, Sprache, Physis, Behinderung, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung) aufgrund bestimmter Ideologien und Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, unbewussteroder Vorurteilen. Die Diskriminierung dient der Aufwertung der Täter*innen zu Lasten der betroffenen Personen oder Gruppen (vgl. Albert Memmi, 1987).

Diskriminierung äussert sich nicht nur in offenem und feindseligem Verhalten, sondern vielfach auch in unreflektierten sprachlichen Äusserungen. Kinder mit Migrationsgeschichte erfahren regelmässig Abwertungen und Ausgrenzungen, die von der Dominanzgesellschaft oft nicht als solche erkannt werden. Die Erwartungen an Kindern mit familiärer Migrationsgeschichte sind oftmals tiefer. Ausgelöst werden diese tieferen Erwartungen, weil die Kinder z.B. die Lokalsprache mit einem Akzent sprechen, «nicht-schweizerische» Namen tragen (vgl. Othering) oder auch, wenn die Eltern nicht lokalsprachig sind (vgl. Sprachen). Die Herkunft führt somit zu einer Einteilung anhand von rassifizierten Stereotypen (vgl. Mechtild Gomolla in Mantel, 2019). Auch wenn die Abwertung nicht bewusst geschieht, ist die Erfahrung für die betroffenen Schüler*innen schmerzhaft. Die Texte der Protagonist*innen dieser Geschichtensammlung zeigen, dass auch Lehrpersonen sich der Verletzungen, die die Betroffenen erfahren, oftmals nicht bewusst sind. Laut Catrin Ehlen hat dies mit einem fehlenden rassismuskritischen Bewusstsein und einem verkürzten Diskriminierungsverständnis zu tun (Ehlen, 2015).

Es sind jedoch nicht nur zwischenmenschliche Handlungen, die Diskriminierungserfahrungen produzieren; vielmehr ist Diskriminierung auch auf der institutionellen Ebene im Bildungssystem verankert. So zeigt sich z.B., dass der Bildungserfolg zwischen Schweizer und ausländischen Schüler*innen einen signifikanten Unterschied aufweist. Etwa 72% der Schweizer Schüler*innen besuchen eine Schule mit erweiterten Ansprüchen, während der Anteil bei den ausländischen Schüler*innen etwa 50% beträgt. Dieser Unterschied hat sich seit 1995 nur geringfügig verändert (BFS, 2021). Lehrpersonen fällen solche Entscheide oftmals auch mit freundlichen Absichten, z.B. zum Schutz des Kindes vor Überforderung in einer höheren Bildungsstufe. Gerade hier zeigt sich jedoch die Individualisierung ungerechter institutioneller Bedingungen, die es auf struktureller Ebene zu lösen gilt. Weitere ungerechte institutionelle Bedingungen ergeben sich z.B. aus der Zusammensetzung des Schulpersonals und in der Unterrepräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte und Rassismuserfahrung in Lehrmitteln (vgl. Rahel El-Maawi und Mandy Abu Shoak, 2020).
Wenn sich solche diskriminierenden Zuteilungen in einer Bildungslaufbahn wiederholen, entsteht eine Verkettung von Benachteiligungen. Solche Ungleichheitserfahrungen haben Auswirkungen auf die Motivation der Schüler*innen, bis hin zum Effekt der selbsterfüllenden Prophezeiung neu auftretender schulischer Lernschwächen, welche in Studien immer wieder bestätigt werden (Winfried Kronig in Mantel, 2019): Jugendliche verlieren ihr Selbstvertrauen, geben auf oder weisen schwierige Verhaltensweisen auf.
Es gibt Möglichkeiten, die negativen Folgen einer tieferen Erwartungshaltung durch die Lehrperson zu verringern (Mercator 2017). In einer Studie wurde aufgezeigt, dass die Leistung von Schüler*innen, die vor einer Prüfung zuerst in einem Aufsatz über etwas berichten können, das sie interessierte, um etwas mehr als 30% stiegen. Cornelia Schu, Direktorin des Sachverständigenrates für Integration und Migration (SVR), zieht daraus den Schluss: «Lehrkräfte können einer Benachteiligung einzelner Kinder durch ungewollte Stereotype und verzerrte Erwartungen gezielt und vergleichsweise einfach entgegenwirken» (Schu, 2017), indem sie dem Bedürfnis nach Anerkennung als Individuum jenseits von Stereotypen und Vorurteilen nachkommen.


Mögliche Leitfragen:

- Wie zeigt sich diskriminierendes Verhalten in den verschiedenen
Texten der Geschichtensammlung?
- Welche Reaktionen löst dies bei verschiedenen Akteur*innen aus?
- Was könnte konkret gegen die Diskriminierung unternommen werden?



--- BFS Bundesamt für Statistik (2021). Sekunderstufe I – Selektion. www.bfs.admin.ch, aufgerufen am 26.4.2021
--- Ehlen, Catrin (2015). Nee, nee, also hier bei uns nicht - Das Rassismusverständnis weisser Lehrender. In Elina Marmer | Papa Sow (Hrsg.) (2015): Wie Rassismus aus Schulbüchern spricht. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.
--- EKR – Eidgenössische Kommission gegen Rassismus und humanrights (2021). Rassismusvorfälle aus der Beratungsarbeit – Bericht 2020. www.ekr.admin.ch, aufgerufen am 26.4.2021
--- El-Maawi, Rahel und Abou Shoak (2020). Einblicke – Rassismus in Lehrmitteln. www.el-maawi.ch aufgerufen am 7.5.2021
--- Mantel, Claudia; Aepli, Marianne; Büzberger, Marcus; Dober, Heidi; Hubli, Janice; Krummenacher, Jolanda; Müller, Andrea; Puškarić, Julija. (2019). Auf den Zweiten Blick: Eine Sammlung von Fällen aus dem Schulalltag zum Umgang mit migrationsbezogener Vielfalt (1st Edition Ausg.). Bern: hep Verlag.
--- Memmi, Albert (1987). Rassismus. Frankfurt a.M: Altenäum Verlag.
--- Mercator Stiftung (2017). Vorurteile abbauen und Selbstwertgefühl stärken – wie Lehrkräfte die Leistungen ihrer Schüler verbessern können. Essen: Stiftung Mercator GmbH.
--- Schu, Cornelia (2017). Wie Kinder besser lernen durch Selbstbestätigung. www.demo-online.de, aufgerufen am 26.4.2021